Es gibt keine Stadt und kein Volk, das die Geschichte der Aschewandlerin für sich beansprucht. Genau das macht sie so beunruhigend glaubwürdig. Man erzählt sie in nahezu jeder Sprache Orsias, in leicht abweichender Form, doch stets mit demselben Kern: dass die Stäbe, die Verzweifelte für eine Nacht nach Kulanna tragen, das Werk einer einzigen Gestalt sind, die durch die schlimmsten Stunden der Geschichte gegangen ist, ohne selbst je zur Ruhe zu kommen.
Die Legende
Je nach Erzählung nach einer verheerenden Schlacht, einer Flut oder einem namenlosen Weltenbrand (worüber die Überlieferungen sich uneinig sind) soll durch die Trümmer eine Gestalt gegangen sein, die niemand zweimal gleich beschreibt: eine alte Frau in der einen Erzählung, ein rußgeschwärzter Soldat in der nächsten, ein ertrunkenes Kind in einer dritten. Wo immer sie auf Überlebende traf, die wirklich alles verloren hatten, kniete sie sich zu ihnen und drückte ihnen etwas in die Hände: einen schlichten Stab aus hellem Holz, noch warm, als käme er direkt aus einem fernen Herdfeuer. Sie sprach dabei kaum; in den ältesten Fassungen der Geschichte sagt sie nur einen einzigen Satz: “Zehn. Nicht mehr.”
Wer ihrer Anweisung folgte, verschwand für eine Nacht und kehrte erholt und unversehrt zurück. Die Gestalt selbst sah niemand ein zweites Mal, und wer versuchte, ihr zu danken oder sie wiederzufinden, fand oft nur eine dünne Schicht Sand an der Stelle, an der sie gestanden hatte.
Wer war die Aschewandlerin?
Über die Natur der Aschewandlerin gehen die Meinungen weit auseinander. Manche halten sie für eine tote Gottheit, die ihre letzte Kraft nach dem eigenen Untergang noch einmal für Fremde verausgabte. Andere erzählen von einer ganz gewöhnlichen Sterblichen, die für jeden Stab etwas von sich selbst bezahlte: der Sand, den man an ihrer Stelle findet, sei genau das, ein Stück von ihr, das nicht mehr da ist.
Diese Version der Geschichte trägt einen unausgesprochenen Schrecken in sich: Wenn sie tatsächlich einmal begann und ihr Werk noch immer nicht vollendet ist, dann bedeutet jeder neue Stab, dass von ihr ein Stück weniger übrig bleibt als zuvor, und dass die Stäbe aufhören werden aufzutauchen, sobald nichts mehr von ihr zu geben ist.
Gelehrte, allen voran jene von Candela, begegnen der Legende mit Skepsis: Einige der gefundenen Stäbe stammen nachweislich aus Gräbern, die älter sind als jede Katastrophe, die die Legende ernsthaft benennen könnte, was unmöglich sein sollte, wenn die Aschewandlerin tatsächlich erst mit ihr zu wandern begann. Anhänger der Legende lassen sich davon selten beirren; sie verweisen dann schlicht auf eine ältere Aschewandlerin vor ihr, und eine wiederum davor.
Der Brauch: Zehn Namen
In manchen Regionen Orsias hat sich aus der Legende ein stiller Brauch entwickelt: Wird ein Staff of Kulanna eingesetzt, um eine Gruppe vor dem sicheren Untergang zu retten, sprechen die Überlebenden hinterher die Namen aller zehn Mitgenommenen laut aus, einmal, gemeinsam, gleich nach der Rückkehr. Ob man der Aschewandlerin dabei tatsächlich Glauben schenkt oder nicht, spielt für den Brauch keine Rolle. Es ist, wie die Alten sagen, “das Mindeste, was man dem Sand schuldet.”