Im Feywild erzählt man sich nicht die Geschichte von Verlust und Asche, die man in der materiellen Welt über die Herkunft der Stäbe von Kulanna hört, sondern die Gezeitenlose Gabe: eine Hofgeschichte über eine Wette, mal amüsiert, mal mit unverhohlenem Spott vorgetragen. Je nachdem, wem man zuhört, ist ihr Ausgang ein Akt der Gnade oder eine besonders lang gezogene Pointe.
Die Legende
An einem Ufer weit im Inneren des Feywilds, das die Fey Nimmerflut nennen, kommt eine See aus silbrigem Wasser in immer gleichen Wellen an Land, erreicht den Sand aber nie ganz. Die Gezeit hält für immer einen Atemzug vor der Ankunft inne. Treibholz sammelt sich dort in dichten, bleichen Wällen und verrottet nie, weil die Flut, die es fortspülen würde, niemals kommt.
Diesem Ufer wird ein Archfey namens Veetesvir zugeschrieben: Ob es dort noch immer weilt, längst weitergezogen ist oder erst noch kommen wird, darüber sind sich nicht einmal die Erzähler einig, denn an Höfen wie diesem bedeutet Zeit wenig. Manche erinnern es als Mann, andere als Frau, wieder andere als keins von beidem. Übereinstimmend nennen alle Erzähler es nur den Gezeitenlosen: gelangweilt von Sterblichen, die endlos damit prahlten, wie viel Leid sie ertragen könnten, und ebenso gelangweilt von Fey, die endlos damit prahlten, wie wenig sie selbst ertragen müssten.
Eines Tages (die Erzählungen sind sich nicht einig, ob durch einen Riss im Gefüge der Ebenen oder schlicht, weil das Feywild manchmal tut, was es will) strandete eine Gruppe Sterblicher an diesem Ufer, erschöpft und ohne jede Hoffnung auf Rückkehr. Veetesvir bot ihnen keine Zuflucht an. Es bot ihnen eine Wette an: Aus dem Treibholz, das die Flut nie fortnimmt, schnitzte der Gezeitenlose einen Stab und legte ihn vor die Fremden. Wer ihn nahm, würde für eine Nacht einen wahrhaft sicheren Ort finden: einen, an dem nichts von ihnen verlangt würde, nichts gehandelt werden müsste, nichts auf dem Spiel stünde. Genau zehn dürften mitkommen, nicht einer mehr. Veetesvir wollte sehen, was Sterbliche mit einem Geschenk ohne Haken anfingen: ob sie sich um die zehn Plätze zerstritten, ob sie den Frieden vor lauter Misstrauen gar nicht erst annähmen, oder ob sie ihn einfach nähmen und gingen.
Was genau geschah, erzählt man an den Höfen unterschiedlich. Manche behaupten, die Sterblichen hätten die zehn Plätze ohne einen einzigen Streit unter sich aufgeteilt, und Veetesvir sei so angetan von diesem Ausgang gewesen, dass es seither in aller Stille weiter Stäbe schnitzt und sie in die Vielheit hinaustreiben lässt, was erklären würde, warum die Stäbe überall und ohne Muster auftauchen. Andere sagen, Veetesvir habe sich bloß gelangweilt und das Spiel nach diesem einen Mal aufgegeben; alle späteren Stäbe seien entweder uralte Reste jener ersten Ladung Treibholz oder das Werk von jemand (oder etwas) anderem, das sich seither denselben Scherz erlaubt. Wieder andere bestreiten, dass es je einen einzelnen Veetesvir gegeben habe, und halten den Namen für einen Titel, der an Nimmerflut von einem Fey zum nächsten weitergereicht wird, über einen Zeitraum hinweg, den ohnehin niemand mehr überblickt.
Nimmerflut
Nimmerflut selbst gilt auch unter erfahrenen Feywild-Reisenden als notorisch schwer zu finden und noch schwerer, ein zweites Mal wiederzufinden. Manche Gelehrte vermuten, es handle sich um den Punkt im Feywild, der Kulanna am nächsten liegt: keine Passage dorthin, sondern lediglich eine Stelle, an der sich die beiden Ebenen berühren, so wie ein Spiegelbild einem Gesicht gleicht, ohne selbst eines zu sein.
Warum selbst Fey die Stäbe für selten halten
Selbst am Hof, an dem die Geschichte ihren Ursprung haben soll, weiß niemand mit Sicherheit, ob die Wette noch läuft, ob Veetesvir noch existiert oder sich noch dafür interessiert, oder ob am Ufer von Nimmerflut überhaupt noch Treibholz in der richtigen Form anschwemmt. Das Feywild verändert sich, wie es ihm beliebt, und wer Nimmerflut einmal gefunden hat, findet oft nicht einmal den Weg zurück zu der Stelle, an der er stand.